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Durch meine langjährige Abwesenheit in Bulgarien, wurde mir der direkte Zugang, sowie der unmittelbare Eindruck der Kunstszene erschwert oder beinahe verwehrt. Somit verschlossen sich mir die gegenwärtigen Kunstinspirationen, die geistigen Bewegungen und Themen, welche die jungen bulgarischen Künstler momentan beschäftigen. Die Fachzeitschriften gaben mir vor Jahren und geben mir nun wieder Information darüber, wie Kunstwerke und Ausstellungen vom Publikum begrüßt werden und welches die Resonanzen der stattgefundenen Kunsttermine sind. Ich erfahre durch sie, wer die angesagten Künstler sind und welche gegenwärtigen Kontexte für die Kunstschaffenden bestimmend sind. Seit zwei Monaten versuche ich mich in diese Atmosphäre hineinzuversetzen, um Themen zu finden, die mich begeistern und überraschen, die mir dazu verhelfen könnten, die Entwicklung und die Sehnsüchte der jungen bulgarischen Künstler aufzuspüren. Durch die wöchentliche Zeitschrift „KULTURA“ gelingt mir dies teilweise und ich bin auf der Suche nach Kunstadressen und Terminen, sowie nach neuen, für mich unbekannten Namen. Ich bin sehr neugierig und möchte eine ähnliche Entwicklung, wie diejenige der „Leipziger Schule“ in Deutschland auch in Bulgarien finden. Ich will etwas anderes sehen, ganz unabhängig vom Kanon der Kunstakademie in Sofia. Einen Monat vor Weihnachten findet in Sofia die nationale Ausstellung „Junge Kunst Bulgariens“ statt - „Das administrative Dreieck“. Das heißt, die nationale Kunstakademie in Sofia, das Bündnis der bulgarischen Künstler, sowie die Verwaltung der größten dreistöckigen Ausstellungshalle „Schipka 6“ in Sofia, gibt noch immer den Rahmen vor in dem sich die junge Kunst vermarkten darf und/oder soll. Entweder gehört man diesem Dreiecksverhältnis an oder man ist sich selbst und seiner individuellen Überlebensstrategie als „eigenständiger“ Künstler in Bulgarien überlassen. Die privaten Galerien und Initiativen versuchen einen parallelen Kontext der Kunstentwicklung in Bulgarien zu etablieren. Bedauerlicherweise weisen diese beiden Realitäten keine Schnittpunkte auf. Die Kunstexpertin Diana Popova nennt diese Situation der bulgarischen Kunstszene den schizophrenen Kreis (s. KULTURA, 22.12.2006, N° 45, S.9). Die besagten privaten Kunstgalerien können nicht alle Künstler aufnehmen, ihre Kapazitäten sind längst ausgeschöpft. Es fehlt die richtige Umgebung für einen aktiven und attraktiven Kunstaustausch. Das Bündnis der bulgarischen Künstler bleibt immer noch konservativ und verschlossen für neuen Kunstgenres und nicht traditionelle Kunstformen. Die Künstler, sofern diese über gute Überlebensstrategien innerhalb der Kunstszene Bulgariens verfügen, müssen sich zwangsläufig danach richten, da keine Lobby vorhanden ist, welche die „andere“ gegenwärtige Kunst vertreten würde. Einige der jüngeren Künstler suchen einen Ausweg und versuchen im Ausland neue Wege einzuschlagen. Andere bleiben in Bulgarien und suchen weiter nach ihrer Inspiration im eigenen Lande. Muss man in Bulgarien nach Kunstthemen suchen, welche die europäische Hoffnung und den globalen Gedanken im Lokalen widerspiegeln? Ich bin anderer Meinung, derjenigen die ich durch Gespräche mit den Künstlern erfahren habe. Die Sehnsüchte der bulgarischen Kunstschaffenden, Kunstbegeisterten und Kunstinstitutionen sind sich einig, dass die Kunstlandschaft sich ändern könnte, wenn solche Strukturen und Institutionen vorhanden wären, um ein Kunstleben und einen Kunstmarkt zu unterstützen. Diese Vorstellungen und Wünsche basieren auf realen Tatsachen. Nur fehlen die Strukturen, welche die bulgarische Kunst anders als bisher dar- und vorstellen. Es fehlt an finanzieller Unterstützung und an Sponsoring. Und es fehlt nicht zuletzt ein Museum für gegenwärtige Kunst, eine Szene, die ein Forum für Diskussionen und einen Kunstaustausch bieten könnte. Foren und Diskussionen finden statt, sind allerdings nur einem kleinen Kulturkreis in Sofia zugänglich und beziehen sich auf denselben Kreis. „Art pour Art“ ausschließlich in der Hauptstadt? Wie die Kunstgalerien vernetzt sind, ob sie es sind und wie sie sich auf dem Kunstmarkt etablieren, konnte ich in der knappen Zeit von 2 Monaten nicht abschließend erkunden. Die Kunstgalerien etablieren sich in Bulgarien erst seit den 90er Jahren. Seitdem gibt es nur wenige davon, die ausschließlich gegenwärtigen Künstler und Kunstwerke präsentieren und Interesse an einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen Galerie und Künstler haben. Doch es finden Ausstellungen statt. Ich habe junge Künstler getroffen und könnte daraus schliessen, dass sich neue Entwicklungen bemerkbar machen, dass die bulgarische Kunstszene vor einem neuen Aufbruch steht. Ich suchte nach neuen und nach alten Kunstthemen, suchte nach Bildern, welche die alte Tradition fortsetzen, aber anders umsetzen und lasse mich von den neuen Tendenzen überraschen. Exemplarisch wähle ich zwei bulgarische Künstler aus, die ich während meines zweimonatigen Aufenthaltes kennen gelernt habe. Ich möchte diese vorstellen, weil sie durch ihre Werke die Tendenzen der gegenwärtigen Kunstentwicklungen in Bulgarien präsent machen können. Beide sind ehemalige Absolventen der Kunstakademie in Sofia und haben denselben Jahrgang. Zum einen Dean Valkov, der seinen schöpferischen Ausdruck in der Kunsttradition der Akademie findet und im Kontrast dazu Simeon Stoilov, der sich neuen künstlerischen Ausdrucksformen, wie experimenteller Videokunst und großformatigen Leinwänden widmet. Die Bilder von Dean Valkov erzählen Geschichten, welche durch Farbkleckse und deren Anordnung rekonstruierbar sind. In seinen Bildern verwendet er ebenfalls organischen Materialien, wie Asche oder Russ, die er aus unterschiedlichen Quellen gewinnt, beispielsweise aus Ofen verschiedenster Gebäude. Die zusätzlich eingefügten Farbpigmente wirken wie der Verputz von alten Häusern, deren Vielschichtigkeit an das Leben erinnert. Ein Konträrpunkt seiner Kunst bildet gerade dieser Kampf zwischen dem Organischen und dem nicht Organischen. Die Farbpigmente sind matt oder glänzend, haften an der Bildoberfläche oder aber ragen aus dem Inneren des Bildes empor, sind grob oder glatt eingesetzt und ergänzen sich gerade deshalb wie weiß und schwarz. Der Künstler beschreibt seine Maltechnik als eine Art Dualismus, der auch in der Natur zu finden ist. Die Inspiration für seine Bilder findet Valkov in seiner Heimatstadt Silistra, die an der Donau liegt. Die wählerische Einordnung der Farbkleckse erinnert bisweilen an das Durcheinander, welches in der Nähe eines Fischerhäuschens vorherrscht: Fangnetze, Fischerboote, Wasserbehälter, die nicht mehr benutzt werden und daher in Vergessenheit geraten sind - umgekippt bieten sie den Hunden einen Unterschlupf. Manchmal wirken die Farben, als seien sie mit Wasser verdünnt, als fließe die Asche aus dem Bilde heraus. An diesen Stellen scheinen seiner Bilder zerbrechlich und erinnern an Vergänglichkeit. Das Wasser strömt, die Sentimentalität des Lebens bröckelt und zerbricht, wie der Wandverputz eines alten Hauses. Poetisch und melancholisch zugleich sind die Botschaften, welche von den Leinwänden sprechen. Entgegengesetzte Mitteilungen beinhalten die Gemälde von Simeon Stoilow. In der Galerie CИБанк (Sibank) in Sofia, präsentierte er vom 14.11.-14.12.2006 seine letzte Ausstellung unter dem Motto „Infinity“ (Unendlichkeit). Die Unendlichkeit, sucht Stoilov in der blauen Farbe und verknüpft diese beiden Komponenten mit künstlerischem Ausdruck. Auf die Unendlichkeit trifft er in einem verspiegelten Kubus, dessen Boden er mit ultramarinen Farbpigment bestreut hat. Man muss sich auf die Zehenspitzen stellen, um einen Blick in den Kubus und somit auf die hundert, wenn nicht sogar tausend sich selbst verspiegelnden Abbildungen werfen zu können. Man muss sich strecken, um das Blau zu sehen, in seinen nicht endenden Facetten von Formen, Ecken und Diagonalen. Die Widerspiegelung des Blaus, könnte zusammenfassend, als die Farbe des Meeres und des Himmels beschrieben werden. In diesen Gedankengang versetzt, dem Kubus nun den Rücken zugewandt, blickt man auf ein großformatiges Gemälde, welches diese beiden Unendlichkeiten in einem verbindet. Das ruhige Meer, das den Himmel unter den Wolken trifft, weist eine andere Dynamik der blauen Farbe aus. Die Farbe wird durch das Wechselspiel von hell und dunkel fassbarer. Das Magische im Kubus, sowie das Zusammentreffen von Himmel und Meer werden von jeweils zwei Großleinwänden links und rechts ergänzt. Zum Ausdruck kommt diesmal nur die Farbe, welche in sich selbst einen abstrakten Wert als Ausstellungsobjekt darstellt - minimalistisch, monochrom, wie auch suggestiv. Die beiden Leinwände hängen hoch, oder doch nicht, jedenfalls fordern sie einen Blick nach oben. Das hochformatige Grauschwarz gleich neben dem Blau. An der gegenüberliegenden Wand hängen zwei Leinwände in einem dunkleren Ultramarin. All diese Farben treffen zusammen, um gleich wieder auseinander zu klaffen. Simeon Stoilow hat seine Ausstellung minuziös vorbereitet, dies ist klar spürbar, wenn man den Raum der Galerie betrifft. Ein Ensemble von sich ergänzenden Wahrnehmungen, die einem tanzend machen, im Kreise drehen lassen, weil man immer wieder den Drang verspürt, sich zu wenden, um das nächste Blau zu erblicken. Ein sich stets wiederholender Zwang nach kreisender Bewegung, zu vergleichen mit dem asketischen Tanz der Derwische, mit einem Tanz ins Unendliche! Text: Marinela Velikova |